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Zedler: Fall des ersten Menschen HIS-Data
5028-9-161-5
Titel: Fall des ersten Menschen
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 9 Sp. 161-165
Jahr: 1735
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 9 S. 96-98
Vorheriger Artikel: Fall erleben
Folgender Artikel: Fall der grossen Bram-Ree
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen

  Text   Quellenangaben
  Fall des ersten Menschen, wenn wir die drey Wörter, Böse, Erb-Sünde und Fall des ersten Menschen genau ansehen, so wird sich finden, daß jedes eine besondere Abhandlung verdiene.  
  Denn Böse ist das general-Wort, so bald im physischen, bald moralischen Verstande genommen wird, und bey dem man erwegen kan Theils seinen Ursprung, Theils seine Fortpflantzung. Den Ursprung des Bösen bestimmt man entweder aus der blossen Vernunfft, oder aus der heiligen Schrifft, und da ist es eben der Fall des ersten Menschen. Die Fortpflantzung nennt man eigentlich die Erb-Sünde. Erwegen wir also den Ursprung des Bösen nach Anleitung der Heil. Schrifft, so heist er der Fall unserer ersten Eltern.  
  Erstlich fragt sichs: Ob ein Mensch aus der Natur durch seine Vernunfft diesen Fall erkennen könne? wobey wir dasjenige, was wir hiervon bey denen Heyden antreffen, mit dem, was die Vernunfft an sich selbst thut, nicht vor eins halten müssen, indem nicht alles, was die Heyden vorgetragen, aus der Vernunfft allein, sondern auch aus der Tradition kommen, mithin müssen wir hier wieder zwey Fragen aus einander setzen:  
 
1) ob die Heyden eine Erkenntniß von diesem Fall gehabt? Huetius in Quaestionibus Alnetanis meynet,
 
  {Sp. 162}  
 
die Heyden hätten von der Sünde unserer ersten Eltern nichts gewust; hingegen Pfanner Systemate Theol. gentil.schreibet ihnen ein- und die andere Erkenntniß von dieser Sache zu, mit welchem es auch Wolff de Manichaeismo ante Manichaeos … hält. Denn es sey gleichwohl ausser Streit, daß sie in verschiedenen Fabeln etwas von dem Paradiese und dem herrlichen Zustande unserer ersten Eltern darinnen zu verstehen gegeben, welches Huetius in Demonstratione Euangelica und in Quaestion. Alnet. erwiesen, woraus zu vermuthen, daß sie auch etwas von der Veränderung dieses Standes gehöret, zumahl Spanhem. ad Callimach. Hymn. … die Fabel de malis Hesperidum dahin ausleget, daß sie den Fall des ersten Menschen anzeige.
 
 
Grotius hat deswegen einen Streit mit dem Riueto gehabt, welcher letztere denen Heyden diese Erkenntniß auch abgesprochen; dem aber Grotius in voto pro pace ecclesiastica contra examen Riueti … wiederspricht, und beruffet sich auf den Mornaeum de Ver. Rel. Christ. 17. welcher dergleichen Nachricht in denen heydnischen Büchern angetroffen, worauf Riuetus in Apologetic. … antwortet.
  • Crenius in Animaduers. Philol. et histor.
  • Jo. Schmid Disputat. de Peccato Originis a gentilibus ignorato.
 
Daß sie von dem ersten Zustande derer Menschen durch die Tradition ein und die andere Nachricht gehabt, daran ist kein Zweiffel, welches sonderlich aus dem Hesiodo zu ersehen; so ist auch nicht zu leugnen, daß sie von der Veränderung des ersten glücklichen Zustandes was gehöret; das aber eben der Haupt-Umstand, wie der erste Mensch durch die verbotene Frucht gefallen, ihnen zu Ohren kommen, oder wenn dieses gleich Anfangs auch geschehen, solche Tradition unter ihnen erhalten worden, kan wohl nicht so leicht erwiesen werden. Denn daß man ein- und die andere Fabel dahin deuten kan, macht die Sache noch nicht aus, weil noch dahin stehet, ob derer Poeten Absicht mittels des Auslegers Erklärung überein komme?
 
 
2.) Ob die sich selbst gelassene Vernunfft ohne Hülffe der Tradition diesen Fall erkennen könne? Es haben zwar Jo. Belinus dans les Preuves convaincantes du christianisme, Paris 1666. 4. und Ludouicus Ferrandus in Not. ad Psalm. 50. solches davor gehalten, wie wohl ohne Grund. Denn wie dieses überhaupt eine Geschichte, die ohne historische Nachricht unmöglich kann erkannt werden, so findet sie weder einiges Principium, woraus sie die Nothwendigkeit dieses alles erkennen könnte, noch einige Ursache von dem würcklichen Verderben der menschlichen Natur, davon ein jeglicher aus eigener Erfahrung kann überzeuget seyn, auf den Fall zu schlüssen, sondern kommt weiter nicht, als daß einmahl mit dem Menschen eine Veränderung müsse vorgegangen seyn.
 
 
Von der Beschaffenheit des Paradieses, von der verbotenen Frucht kann sie nichts wissen, und wenn man ihr gleich aus der heiligen Schrifft vorstellet, wie durch diese Sünde sogleich ein Habitus des Bösen entstanden, und der Tod als eine Straffe anzusehen, so ist ihr dieses unbegreifflich. Also bleibt die Lehre von dem Fall des ersten Menschen eine solche Sache, die wir nur aus dem geoffenbarten Worte GOttes wissen können.
 
  Wenn aber ein Philosophus mit seiner Vernunfft darüber kommt, so fragt sichs vors andere; ob die Vernunfft diesen Fall mit der Gü-  
  {Sp. 163|S. 97}  
  tigkeit GOttes zusammen reimen kan? Es haben sich zwar einige unter denen Heyden gefunden, die GOtt zum Urheber des Bösen, oder der Sünde gemacht, wie aus des Euripidis Versen, [ein Satz Griechisch] zu ersehen, ja die Poeten sind bisweilen so verwegen, gottlos, und zugleich so einfältig gewesen, daß sie gedichtet, die Götter trieben die Menschen zum bösen an.
  • Clericus in Hesiodum
  • Pfanner in Systemat. Theol.
  Doch wer nur das geringste Nachdencken hatte, sahe alsbald, daß dieses schnurstracks wieder das Wesen GOttes sey, daher auch der gröste Theil unter denen Heyden erkannte, GOtt sey ein heiliges und gütiges Wesen, davon viele Zeugnisse, 
  • Pfanner in Systemat. Theol. gentil. …
  • Huetius in Quaestion. Alnet. …
  • und Spanhem ad Julian. …
zusammen getragen,
  und das gab eben Gelegenheit zu dem andern Abwege, daß man auf zwey Principia verfiel, u. von dem einen das gute, von den andern aber das böse herleitete.  
  Es haben auch einige aus den Worten Jacobi 1, 13. GOtt ist nicht ein Versucher zum Bösen, schlüssen wollen, daß in der ersten Kirche dieser Irrthum bey einigen gefunden, als käme das böse von GOtt her. Zu den neuern Zeiten hat sich der berühmte Peter Bayle bey dieser Materie viele Schwürigkeiten eingebildet, indem er vorgabe, es machte die Vernunfft wieder die Lehre der heiligen Schrifft vom Fall des ersten Menschen, wegen der Güte GOttes, wie die dabey bestehen wollte, unauflößliche Einwürffe, weil aber gleichwohl die heilige Schrifft die Wahrheit sage, so müste sich die Vernunfft dem Glauben unterwerffen; man sähe aber inzwischen nicht, wie man das manichaeische Systema aus der Vernunfft gründlich widerlegen könnte, worüber ein grosser Streit entstanden, davon unter dem Titel Böse, Tom. IV. p. 392. gehandelt worden.  
  Vorjetzo aber nur desjenigen Irrthums des Bayle zu gedencken, so giebt er vor, die Vernunfft hielte dafür, GOtt hätte dem Menschen keinen freyen Willen geben sollen, folglich würde der Mensch nicht haben fallen können, oder wenigstens hätte GOtt, da er den Fall vorher gesehen, so hätte er ihn doch verhindern sollen, und da er dieses nicht gethan, so könnte dieses die Vernunfft mit seiner Gütigkeit nicht zusammen reimen, bringt auch unterschiedene Instantzen von menschlichen Wohlthätern vor.  
  Dieses scheint nun der gröste Stein des Anstosses zu seyn. Es haben einige davor gehalten, man sey nicht verbunden auf diesen Punct zu antworten, wie denn Meisner in Philos. sobria schreibet: non tenemur ad quaestionem hanc curiosam magis, quam fructuosam respondere, sufficit nobis voluntas Dei, cujus decreta et decretorum caussae licet nobis ignotae, semper tamen justae sunt.
  • Calouius in System. …
  • Jaquelot Examin. Theol.
  Doch es läst sich auch darauf noch antworten. Es ist überhaupt eine Schwachheit, daß man den göttlichen Wohlthäter nach einem Menschen will abmessen und beurtheilen, zwischen welchen doch ein gar grosser Unterschied ist. Wenn ein gemeiner Mann einen beschencket, so achtet man es weit geringer, als wenn ein grosser Printz einem etwas giebet, wenns gleich in der That etwas schlechtes und weniges ist, wiewohl das gute, so GOtt gegeben, auch nach seiner Grösse und Weitläufftigkeit nicht genug kan geschätzet werden, zumahl wenn man dasselbige nicht auf den Menschen allein, sondern auf der gantzen Welt Zusammenhang ziehet: denn wegen de-  
  {Sp. 164}  
  rer Menschen allein, die nur einen Theil der Welt ausmachen, hat GOtt die einmahl nach seiner Weisheit gemachte Gesetze der Natur zu ändern nicht nöthig gehabt, hat auch nicht wieder seine Gütigkeit gehandelt, daß er den Fall zugelassen, welchen er vorher gesehen.  
  Ein Vater kan nicht getadelt werden, wenn er einen ungerathenen Sohn in Unglück stecken lässet, im Fall er sich und seine Familie ruiniren müste, wenn er ihn retten wollte. Ja spricht Bayle, nimmermehr kann das ein Wohlthäter heissen, der einem Wohlthaten erweiset, von denen er weiß, daß sie dem, dem sie gegeben werden, zum Schaden ausschlagen werden. Es ist wahr, daß die Geschencke, die man giebt, wenn man vorher siehet, daß sie schaden werden, als Geschencke eines Feindes anzusehen sind, denn es steckt eine Boßheit dahinter. Wer will aber dieses von GOtt gedencken, geschweige sagen?  
  Ist gleich, wendet man ferner ein, keine böse Absicht darhinter gewesen, so hätte er doch das Unglück verhindern können. Wenn ein Vater einem kleinen Kinde die Freyheit lässet, daß es mit einem spitzigen Messer spielen darff, so giebt er Achtung, daß seine Freyheit nicht zum bösen ausschlägt, und so bald er gewahr wird, daß sich das Kind stechen dürffte, so verhindert er solches. Es hätte dieses GOtt thun können, wenn er nach seiner uneingeschränckten und absoluten Gewalt handeln wollen, daß ers aber nicht gethan, ist aus wichtigen und seiner Weißheit gemäsigen Ursachen geschehen. Denn hätte er das moralische Böse verhindern wollen, so wäre nöthig gewesen, daß die Menschen ihre Freyheit verlohren, wodurch sie keine Menschen blieben wäre.  
  Es ist aber auch hier noch ein Unterscheid zwischen denen Menschen und GOtt; indem die Menschen eine Verbindlichkeit, ein vorhergeschehenes Unglück, wo es möglich ist, abzuwenden, auf sich haben, welches man von GOtt nicht sagen kann. Ja die Menschen müssen offt einander Wohlthaten erweisen, und wenn gleich der Wohlthäter vermuthet, es werde ein Mißbrauch dabey vorfallen, so können sie es doch nicht abschlagen, und in diesem Fall ist nicht einmahl der menschliche Wohltäter Schuld daran, als hätte er wieder seine Gütigkeit gehandelt, z.E. es hat ein Vater einen krancken Sohn, von dem zu vermuthen, wenn er jetzo stürbe, so würde er seelig sterben; dem ungeachtet ist er verbunden, ihn durch die Ärtzte curiren zu lassen, wenn er gleich wahrscheinlich schlüsset, er werde seiner erlangten Gesundheit mißbrauchen, selbige wieder verderben, auch wohl in seinen Sünden dahin sterben. Geschicht dieses, so kan man ja nicht sagen, der Vater oder Wohltäter ist Schuld daran, indem er ihm eine Wohlthat erwiesen, von der er vorher gesehen, daß er sie zu seinem Verderben mißbrauchen werde.  
  Hieraus siehet man so viel, daß die Regel, die Bayle von denen Wohlthätern setzet, auch in Ansehung derer menschlichen nicht schlechter Dings wahr. Auf solche Weise ließ GOtt nach seiner Weißheit den Fall des ersten Menschen zu, und nachdem das Böse dadurch würcklich entstunde, so muste sich die göttliche Gerechtigkeit äussern, wodurch aber seine Gütigkeit nicht aufgehoben wurde. Denn diese bewegte ihn, das Reich der Gnaden aufzurichten, und zwar auf solche Art, daß die unendliche Weisheit, Gütigkeit und Gerechtigkeit hervor leuchtete, welche wir nicht von einander trennen dürffen.  
  Meynt Bayle, GOtt hätte gleich den gefallenen Menschen wieder zu Gnaden annehmen können, so hatte er dieses nach seiner Allmacht  
  {Sp. 165|S. 98}  
  thun können, wo wäre aber seine Gerechtigkeit geblieben, die ihm eben so wesentlich, als seine Gütigkeit zukommt, welche beyde hier miteinander verknüpfft werden musten, so daß überall seine Weißheit hervor leuchtet. Denn daß GOtt die Menschen nicht mit Gewalt will selig machen, ihnen die geistliche Kräffte gutes zu thun nach und nach mittheilet, dergestallt, daß noch alle Zeit sündliche Schwachheiten zurück bleiben, geschicht aus heiligen und weisen Ursachen. Es würden die Menschen weder die Wichtigkeit und Herrlichkeit der göttlichen Gnade noch die Tieffe ihres Elends recht erkennen und empfinden. Wenn ein Mensch niemahls kranck gewesen, so wird er keine sonderliche Empfindung von dem Gute der Gesundheit haben, und wenn überhaupt keine Übel wären, so würde man die Güter nicht mehr achten.  
  Es haben aber gleichwohl die Frommen so viel Creutz und Unglück in der Welt? man bildet sich wahrhafftig vielmahls die Anzahl derer Übel in der Welt grösser ein, als sie in der That ist. Gottlose halten manchen Zufall, der einen Frommen betrifft, vor ein Unglück, davor es aber der Fromme nicht ansiehet, der unter andern bey seiner Armuth wohl ebenso vergnügt, als der Reiche bey seinen grossen Schätzen. So wenig man sagen kann, daß die Ruthe dem ungezogenen Kinde, und bittre Artzeney dem Patienten schädlich; so wenig kann man Fromme bey ihren wiedrigen Zufällen vor unglücklich schätzen. GOtt bestätigte die guten Engel gleich dergestallt im Guten, daß sie nicht sündigen können, welches auch bey dem Menschen möglich gewesen wäre, wo nicht seine Weißheit einen andern Weg beliebet hätte. Denn wie er nach derselbigen einen Wohlgefallen an dem Unterscheid, und an der Abwechselung derer Creaturen hat; so hat er mit Fleiß diesen Unterscheid unter denen heiligen Engeln und denen Menschen setzen wollen, daß jene bey ihrer Freyheit beständig das Gute, diese aber das Gute oder das Böse erwehlen könnten.  
  Es ist dieses eine wichtige Materie, an deren wahren Erkenntniß sehr viel gelegen, damit man in der Theologie, und zwar in dem Articel von der Sünde, von der Gnaden-Wahl, von der ewigen Verdammniß in keine schädliche Irrthümer verfalle. Es erkennt die Vernunfft gantz deutlich, daß GOTT auf keine Weise Schuld an dem sündlichen Zustand derer Menschen habe, und die manichäische Lehre höchst ungereimt und abgeschmackt sey, welche aber gleichwohl in der christlichen Kirche viel Unruhe verursachet hat.  
  Die Supralapsarii lehren, daß GOtt eine gewisse Anzahl derer Menschen zu ihrem Verderben, und eine andere Anzahl zur Seligkeit erschaffen, und deßwegen den Adam zum Fall praedestiniret; die Infralapsarii, daß GOtt, nachdem er den Fall vorher gesehen, einige zur Verdammniß, andere zum ewigen Leben ausersehen, und die so genannten Vniuersalistae kommen auch auf gefährliche Dinge, wenn sie gleich etwas gelinder erklären, welches Wolff de Manichaeismo ante Manichaeos mit mehrern ausgeführet.
     

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Stand: 4. Januar 2023 © Hans-Walter Pries