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Zedler: Sünden-Fall [4] HIS-Data
5028-41-72-1-04
Titel: Sünden-Fall [4]
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 41 Sp. 90
Jahr: 1744
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 41 S. 58
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Hinweise:
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  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Bibel

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Art und Weise

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Weitere Fragen Damit wir bey dieser wichtigen Sache, alle Anstöße so viel möglich aus dem Wege räumen; so wollen wir noch einen und den andern Einwurff beybringen.  
  Man möchte sagen, warum GOtt zugegeben hätte, daß der Satan unsere erste Eltern hätte versuchen dürffen, da ihm doch nicht unbekannt gewesen wäre, daß sie in der Versuchung unter liegen würden.  
  Jedoch es folget gar nicht, daß um der Versuchung willen die ersten Eltern nothwendig hätten fallen müssen. Die Gläubigen werden nunmehro auch vom Satan versuchet, und sie können überwinden.
  • Ephes. VI, 10. 11. 12.
  • Offenb. Joh. XII, 11.
  Über dem so folget auch nicht, daß, wenn der Mensch nicht wäre vom Satan versuchet worden, er nicht in die Sünde würde gefallen seyn. Der Satan, der zuerst gesündiget hat, ist von keinem andern versuchet und gereitzet worden, und ist doch gefallen. Wenn wir nun bey der Göttlichen Allwissenheit, nach welcher GOtt den Sünden-Fall der ersten Eltern vorhergesehen hat, auch seine allervollkommenste Güte unser Auge mit richten, so mögen wir nicht ohne Grund sagen, GOtt habe vorher gesehen, daß der Mensch aus sich selbst doch auf einen Abfall gerathen würde. Und so habe er denn die leidliche Art des Falles lieber, als eine andere, woraus dem Menschen nicht so leicht hätte können geholffen werden, wollen geschehen lassen; indem der Mensch, der durch einen andern verführet worden, auch durch einen andern den Mittler und Heyland des gantzen menschlichen Geschlechts, um desto leichter hat wieder zu recht gebracht werden können.  
  Aber spricht man endlich: Wie ist  
  {Sp. 91|S. 59}  
  es denn möglich gewesen, daß eine gute und in ihrem Theil in grosser Vollkommenheit erschaffene Creatur hat fallen können; so dienet zur Antwort: Daß GOtt den Menschen gut erschaffen, ist eine ausgemachte Sache; daß er gefallen sey, lehret uns die Schrifft und die Erfahrung. Wo nun die That selbst ist, da muß auch die Möglichkeit zur That vorhanden seyn. Von der blossen Möglichkeit kan man zwar wohl nicht schliessen, daß eine Sache würcklich da sey, oder geschehen werde; aber von der Würcklichkeit einer Sache, kan auf die Möglichkeit derselben ein sicherer Schluß gemacht werden. Weil nun der Fall einer gut erschaffenen Creatur würcklich geschehen ist; so muß er nothwendig auch möglich gewesen seyn. Gesetzt nun, daß wir die Art der Möglichkeit nicht auszufinden vermöchten, so hätten wir solches unserer Unwissenheit zuzuschreiben; wären aber deswegen nicht berechtiget, einen Argwohn auf GOtt zu werffen, als ob derselbe seine Hand wohl so mit im Spiele möchte gehabt haben, daß, weil er den Fall heimlich gerne gesehen, derselbe nothwendig habe erfolgen müssen.  
  Wir Menschen sind in der Erkänntniß, wie unsers Leibes, den wir doch fühlen und empfinden, also auch unserer Seelen-Kräffte noch sehr blind. Es gehet vieles in unserm Leibe, und noch mehr in unserer Einbildungs-Krafft vor, davon wir nicht eigentlich sagen können, wie es zu gehe und wie es möglich sey. Von unserer Seele wissen wir wohl, daß sie einen Verstand und freyen Willen habe; so wissen wir auch, daß der Wille nach der Art der Vorstellung im Verstande sich richte. Alleine wie die Vorstellungen des Verstandes, die Neigungen des Willens, die sinnlichen Vorstellungen, und die sinnlichen Begierden offt in unglaublicher Geschwindigkeit durch einander gehen, und wie es daher eigentlich zugehe, daß sich der Mensch im Augenblick zu diesem, oder jenem entschliesse; davon haben wir noch keine genugsame Einsichten. Als der weise Salomo eben dieser Sache lange nachgedacht hatte, so schreibt er endlich: Schau, das habe ich gefunden, daß GOtt den Menschen hat aufrichtig gemacht; aber sie suchen viel Künste. Pred. Buch. Cap. VII, 30.
  Da er denn Cap. VIII, 1. unmittelbar hinzu thut: Wer ist so weise, und wer kan das auslegen? Kan jemand diese Sache so aus einander setzen, daß sie vollkommen deutlich wird, und daß dem Menschen die Schuld alleine dabey bleibet; dem wird man es vielen Danck wissen. Wer aber solches nicht kan, der handelt doch wenigstens sehr übereilt und unanständig, wenn er bey seiner selbstzugestandenen Unwissenheit auf einmahl sich anstellet, als ob er völlig einsähe, daß GOtt hier nothwendig die Schuld tragen müste.  
Art und Weise Inzwischen ist bereits schon oben in etwas angeführet worden, wie und auf was Art und Weise der erste Sünden-Fall wohl möchte geschehen seyn; und wird auch jetzo noch etwas folgen. Wir haben bisher gesehen, daß unserem GOtt die Ursache der Sünde nicht zugeschrieben werden können. Da nun auch die vom Satan gemachte Vorstellung unsern ersten Eltern nicht würde geschadet haben, wenn sie nicht dieselbe als ihre eigene angenommen, und sich hätten gefallen lassen, so ist erwiesen, daß die Sünde nicht von aussen als von ohngefehr, oder gar auf eine un-  
  {Sp. 92}  
  vermeidliche Weise, in unsere erste Eltern hinein gekommen sey, wie etwa ein Gifft von aussen in einem Cörper kommen möchte; sondern daß der Satan nur eine äusserliche Veranlassung dazu gegeben, die Sünde des Menschen aber bey und in ihm selber ihren Ursprung genommen habe.  
  Und so entstehet denn nun die Frage, in welcher Krafft der Seelen die Sünde zu erst bey dem Menschen entstanden sey? Die Kräffte der Seelen sind nicht einerley Art. Einige nennen wir die obern, andere aber die untern Kräffte der Seelen. Die obern Kräffte sind der Verstand und freye Wille, mit welchem sich das Gedächtniß vergesellschafftet, krafft dessen sich der Mensch wieder vorstellet, was vormahls in seinem Verstande und Willen gewesen ist. Die untern Kräffte aber sind die sinnlichen Vorstellungen und Neigungen, wozu die Erinnerungs-Krafft gehöret, dadurch die vormahls gehabte sinnliche Vorstellungen, Neigungen und Empfindungen wieder lebhafft werden. Vermittelst dieser letztern hat die Seele eine Gemeinschafft mit dem Leibe, und ist mit demselben zu einer Persönlichkeit verbunden.  
  Dieses nun voraus gesetzet, so haben wir bey den verschiedenen Kräfften unserer Seelen die Verknüpffung die sie mit einander haben, und die Ordnung, in der sie mit einander stehen, zu beobachten, so, wie es uns die Erfahrung, und die Natur der obern und untern Kräffte der Seelen, an die Hand giebet. Der lautere Verstand ist viel edler, als die sinnlichen Vorstellungen; und der freye Wille ist edler, als die sinnlichen Neigungen und Begierden. Die letztern kommen auch den unvernünfftigen Creaturen zu; die erstern aber werden unter den uns sichtbaren Geschöpffen allein bey den Menschen gefunden. Soll nun zwischen allen diesen Kräfften die gehörige Ordnung bleiben; so müssen die sinnlichen Vorstellungen unter dem Verstande, die sündlichen Neigungen und Begierden aber unter dem Willen stehen. Aus den Vorstellungen eines reinen Verstandes fliesset die freye Neigung des Willens; und aus den sinnlichen Vorstellungen entspringen sinnliche Affecten, Neigungen und Begierden.  
  Soll nun auch hier alles in seiner gehörigen Ordnung bleiben, so muß der Mensch nicht so gleich die sinnlichen Vorstellungen gleichsam für bekannt annehmen, weil in denselben noch viel Verwirrung stecket, und er dadurch leichte kan betrogen werden; sondern er muß die Sachen, welche ihm in die Sinne fallen, mit seinem Verstande erst recht aus einander setzen, und dasjenige was wahrhafftig gut ist, und so fern es gut ist, von dem, was nur den Schein eines Guten hat, absondern. Denn sonst, wenn der Mensch die sinnlichen Vorstellungen ohne gehörige Untersuchung und Beurtheilung sich so gleich schlechterdings gefallen läßt, so werden dieselben der Leit-Stern des freyen Willens, setzen sich solcher Gestalt an die Stelle des Verstandes, und neigen nicht nur den Willen, sondern auch zugleich die Affecten und Begierden.  
  Die eigentliche Ordnung der obern und untern Kräffte der Seelen bestehet demnach in folgenden. Die sinnlichen Vorstellungen sind das Werckzeug und das Mittel, wodurch die Seele diejenigen Dinge, die ausser ihr sind gleichsam verkundschafftet und in Erfahrung bringet. Die sinnlichen Neigungen,  
  {Sp. 93|S. 60}  
  Affecten und Begierden aber sind die Werckzeuge und das Mittel, wodurch der Wille etwas ausser der Seelen, und durch den Cörper ausrichtet. Soll es nun hier recht ordentlich zugehen, so müssen auch die blossen sinnlichen Vorstellungen und Empfindungen nicht zugleich die sinnlichen Affecten, Neigungen und Begierden erfolgen; denn sonst wäre der Verstand und der freye Wille nicht nöthig, und der Mensch handelte nur als ein unvernünfftiges Thier. Sondern es müssen die sinnlichen Vorstellungen und Empfindungen vom Verstande, wie gedacht, aus einander gesetzt, untersuchet und beurtheilet werden, damit der Mensch erkenne, was gut oder böse, was recht oder unrecht, was billig oder unbillig, was nützlich oder schädlich, und was unter allen das Beste sey.  
  Wenn dieses der Verstand erkannt und ausgemacht hat, sodann neiget sich der Wille auf das, was sich der Verstand als gut, und als das beste vorgestellet hat. Und dieser Wille determiniret so dann die sinnlichen Affecten, Neigungen und Begierden, und mäßiget sie in so weit, als es nöthig ist, daß durch selbige eine äusserliche Handlung erwecket, und solchergestalt dargestellet werde, was der Verstand für das Beste erkannt hat; um auf solche Weise den abgezielten Zweck, welchen der Verstand sich vorgestellet hat, zu erreichen.  
  Aus diesem allen folget nun klärlich, daß es nothwendig lauter verkehrte Handlungen geben müsse, wenn es in dem Menschen nicht nach dieser Ordnung gehet. Erfolgen auf die sinnlichen Vorstellungen und Empfindungen, ohne genugsame Überlegung des Verstandes, sofort sinnliche Affecten, Neigungen und Begierden, und aus denselben die äusserlichen Handlungen; so handelt der Mensch, wie schon erwehnet ist, auf eine bloß Thierische Weise, und wird mit Hindansetzung seines Verstandes und freyen Willens ein bloser Sclave seiner Leidenschafften.  
  Bringt denn auch schon der Mensch die sinnlichen Vorstellungen und Empfindungen gleichsam für den Richter-Stuhl seines Verstandes; er setzet aber nicht alles gehöriger maßen auseinander, damit er recht erkennen möge, was böse oder gut, nützlich oder schädlich, und ihm nach allen Umständen das Beste sey; so wird der Verstand, durch die sinnlichen Vorstellungen und Empfindungen benebelt, daß er offt für gut annimmt, was doch an sich selbst nicht gut ist, und solchergestalt wird der Wille zu einer ungegründeten und verkehrten Wahl verleitet, daß darüber auch die sinnlichen Affecten, Neigungen und Begierden unordentlich werden, und folglich auch äusserliche unordentliche und verbotene Handlungen nach sich ziehen.  
  Wenn wir nun nach diesen allen, das Verhalten unserer ersten Eltern, darüber sie gefallen sind, beurtheilen; so gewinnet dasselbe folgende Gestalt. GOTT hatte ihnen den Genuß des Baums der Erkänntniß Gutes und Böses, untersaget. Sie hatten also diesen Baum vielfältig, und eine sinnliche Vorstellung und Empfindung von seiner äusserlichen Gestalt, und dem schönen Ansehen seiner Frucht gehabt. Weil sie aber wusten, daß GOtt ihnen davon zu essen verboten hatte, und sie erkannten, daß GOtt solches Verbot zu geben befugt sey, sie aber demselben zu gehorchen, als Creaturen ver-  
  {Sp. 94}  
  bunden wären; so stellete sie ihr Verstand ihnen das Essen von diesem Baume als etwas Böses, die Enthaltung aber in dem Essen als etwas Gutes vor; und so war bey ihnen kein Wille, und folglich auch keine sinnliche Begierde, von diesem Baum zu geniessen.  
  So lange nun dieses alles in gedachter Ordnung blieb, so blieben sie unschuldig, und konnten ihnen die sinnlichen Vorstellungen, und wenn sie auch diesen Baum tausend und aber tausend mahl angesehen hätten keinen Schaden bringen. Nachdem aber der Satan dazu kam, so suchte derselbe die sinnlichen Begierden der Eva zu reitzen, daß sie zum Essen der verbotenen Frucht sich entschliessen solte. Und wie bewerckstelligte er dieses? Er suchte anfänglich das Andencken des Verbots bey ihr auszulöschen. Denn er sprach: Ja! solte GOtt gesagt haben, ihr sollt nicht essen von allerley Bäumen im Garten?  
  Weil er aber durch diesen seinen gemachten Zweiffel die Gedächtniß-Krafft der Eva nicht schwächen konnte, so griff er es auf eine andere Weise an. Er stellte nehmlich ihr ein falsches Gut vor, welches sie durch das Essen der verbotenen Frucht erlangen würde, und daß sie daher nicht nöthig hätte, auf das Göttliche Verbot zu sehen. Und hier heißt es nun: Und das Weib schauete an, daß von dem Baum gut zu essen wäre, und lieblich anzusehen, daß es ein lustiger Baum wäre; weil er klug machte.  
  Hier kam sinnliche Vorstellung und Verstand zusammen. Die sinnlichen Vorstellungen stellten den Baum sammt seiner Frucht in seiner Schönheit dar, wie er war; und insofern war noch kein Fall vorhanden. Der Verstand aber fieng an über das vorgestellte falsche Gut zu urtheilen. Wäre nun die Eva bey der Erkänntniß, daß GOtt ein rechtmäßiger Gesetzgeber sey, und daß sie ihm zu gehorchen verbunden wäre, schlechterdings stehen blieben; so würde sie das von dem Satan vorgestellte Gut sogleich als ein falsches Gut erkannt haben. Weil sie aber die Sache nicht mehr gehörig auseinander setzte, sondern von der angenehmen sinnlichen Empfindung den Schluß machte, daß denn auch das würckliche Essen eine gute, annehmliche und nützliche Sache seyn würde; so wurde durch dieses verkehrte Urtheil ihr Wille geneiget; und wurden dabey zugleich die sinnlichen Begierden und Neigungen Zügelloß, daß sie von der Frucht nahm, und aß, und hernach durch ihre Vorstellungen auch ihren Mann auf eben diese Weise dahin brachte, daß er nahm, und aß.  
  Es ist bey dieser Vorstellung noch eins zu bemercken. Der Satan hatte unter andern ihnen auch vorgestellt, daß sie durch das Essen von dem verbotenen Baum wissen würden, nicht nur, was Gut, sondern auch was Böse sey, und, daß sie auch dadurch werden würden wie GOtt. Hierdurch suchte er ihnen den Begriff beyzubringen, als ob nicht nur in der Erfahrung und dem Genuß des Guten; sondern auch in dem würcklichen Genuß des Bösen eine wahre Seeligkeit liege; ja, daß GOtt selbst darinne seine höchste Seeligkeit mit finde, welche er aber ihnen nicht gönne, und eben deßwegen ihnen ein solches Verbot gegeben habe. Hätten nun unsere ersten Eltern auch hier ihren  
  {Sp. 95|S. 61}  
  Verstand recht gebraucht, und selbst nur aus der blossen Benennung des Bösen, sofern dasselbe dem Guten entgegen gesetzet wird, einen gehörigen Schluß gemacht; so würden sie haben leicht erkennen können, daß aus dem Genuß des Bösen bey ihnen nichts gutes, noch eine wahre Seeligkeit erwachsen könnte. Weil sie aber diesen falschen Satz für bekannt annahmen, und sich das Böse selbst als eine Art des Guten vorzustellen anfiengen; so wurde denn ihr Wille dadurch zu dem, was eigentlich Böse ist, geneiget, und mithin die sinnliche Leidenschafften und Begierden in desto grössere Unordnung gesetzet.  
  Und solchergestalt mögen wir denn nun erkennen, daß der Fall sich daher angesponnen habe, weil der Mensch unterlassen hat, seinen Verstand recht zu gebrauchen. Hierüber haben falsche Vorstellungen bey ihm Raum gewonnen, er hat ein falsches Urtheil gefället, der Wille hat sich so gleich auf ein falsches Gut geneiget; und so ist dadurch der Fall bey den Menschen vollkommen worden. Was dieses bey unseren ersten Eltern selbst, und bey allen ihren Nachkommen, nach sich gezogen habe, davon siehe mit mehrerm den Artickel Sünde (Erb-).  
     

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Stand: 24. August 2016 © Hans-Walter Pries