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Zedler: Krafft [2] HIS-Data
5028-15-1662-6-02
Titel: Krafft [2]
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 15 Sp. 1671
Jahr: 1737
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 15 S. 832
Vorheriger Artikel: Krafft [1]
Folgender Artikel: Krafft [3]
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Transkribierter griechischer Text der Vorlage
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen

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Übersicht
physikalische Kräfte (Forts.)
  Kraft der Trägheit
  eingeprägte Kraft
  aktive Kraft
  Druck
  Herkunft der Kräfte

Stichworte Text Quellenangaben
Kraft der Trägheit Man trifft aber auch bey denen Cörperen eine gewisse Krafft an, die sich lediglich als eine widerstehende Krafft äussert, und sich nicht eher zu erkennen giebt, als bis eine Krafft etwas gegen einen Cörper, dem sie nicht  
  {Sp. 1672}  
  selbsten beywohnet, ausrichten will. Diese widerstehende Krafft wird Vis insita, Resistentia passiva, Vis Inertiae genennet, von welcher wir hier etwas mehr reden müssen, in dem sie an öfftesten mit denen andern Kräfften in Collision kommt, und wir uns auch hieher auf solche bezogen, da wir die andern bisher erzählten Kräffte unter ihren Tituln abgehandelt, und von dieser mit ihnen offt collidirenden Vi inertiae Erwehnung gethan haben.  
  Einem ingleichen ist aus der Erfahrung bekannt, daß, wenn ein Cörper sich in Ruhe befindet, und ein anderer will ihn daraus bringen und in Bewegung setzen, so wiedersetzt er sich demselben, und folget nicht freywillig seiner Bemühung, sondern benimmt derselbigen so ein grosses Stück, als er angewendet hat, um ihn in Bewegung zu bringen. Wenn eine Kugel gegen eine andere, die in Ruhe ist, mit einer gewiesen Geschwindigkeit anrennet, so erhällt die ruhende Kugel durch den Stoß eine Bewegung, hingegen die anrennende Kugel verliehret durch den Stoß etwas von ihrer Bewegung. Es muß dahero etwas in dem ruhenden Cörper vorhanden gewesen seyn, so diesen Theil der Bewegung des anrennendem Cörpers währenden Stosse consumiret hat; dieses muß eine Krafft seyn, weil sie den Zustand eines Dinges, nehmlich den Zustand der Bewegung ändern kan.  
eingeprägte Kraft Diese Krafft ist es, welche Vis insita genennet wird, und Vermöge welcher ein Cörper sich demjenigen wiedersetzet, der ihn aus seinem Zustande der Ruhe bringen will, oder mit welcher er sich in der Ruhe, darinner er sich befindet, zu behaupten suchet. Wenn ein Cörper in einer gleichförmigen Bewegung nach der Direction einer geraden Linie, und folglich mit einerley Geschwindigkeit sich fortbeweget; und es rennet ihm ein anderer Cörper mit einer grössern Geschwindigkeit nach, hohlet ihn ein, und will ihn durch den Stoß in seiner bißher fortgesetzten gleichförmigen Bewegung turbiren, so gehet dieses dem anrennenden Cörper nicht so ungerochen hin, sondern der andere Cörper, der den Stoß ertragen muß, reluctiret, und suchet den Zustand seiner vorigen Bewegung zu behaupten; daher es auch geschiehet, daß, ob er gleich aus seiner vorigen Bewegung durch den Stoß des andern gebracht worden ist, der anrennende Cörper durch diese Wiederspänstigkeit des andern einen Theil seiner vorigen Bewegung, die er vor den Stoß gehabt, verlieret.  
  Die Destruction dieser Bewegung setzet eine destruirende Krafft, zum Voraus, die ein Cörper in so weit ausübet, in so ferne ihn etwas aus dem Zustande seiner gleichförmigen Bewegung bringen will, oder mit welchen er diesen Zustand zu behaupten suchet. In beyden Fällen, es mag ein Cörper entweder aus dem Zustande der Ruhe oder einer gleichförmigen Bewegung gebracht werden sollen, trägt sich etwas ähnliches zu, nehmlich die Bemühung, den Zustand, darinnen der Cörper sich befindet, zu behaupten.  
  In beyden Fällen muß daher auch die Krafft, mit welcher solches der Cörper verrichtet, von einerley Art, und folglich die Vis insita seyn. Derowegen wann wir diese Begriffe zusammen  
  {Sp. 1673|S. 833}  
  nehmen, so finden wir, daß die Vis insita, oder eingeprägte Krafft eines Cörpers diejenige sey, mit welcher der Cörper seinen Zustand der Ruhe oder seiner gleichförmigen Bewegung, die nach der Direction einer geraden Linie sich äussert, zu behaupten suchet; und welche Krafft nicht eher zum Vorschein kommt, als bis eine solche Veränderung in dem Zustande vorgehen soll.  
  Keplerus hat dieser Krafft zu erst den Namen Vis Inertiae beygeleget, und sie rechtmäßig zu betrachten angefangen; Nevvton hingegen einen gemeinen Begriff darvon in seinen Princip. Philos. Natur. gegeben. Die wahre Notion derselbigen findet man auch in
  • Germanns Phoronomia ...
  • Eravesande Elem. Physic. I. 2.
  • Mugs Elem. Phys. ...
  • und andern.
  Diese Krafft heisset deswegen Vis insita, weil sie sich, so viel als uns bewust ist, in allen Cörpern, ja in allen Elementen eines Cörper sich befindet, wie sie denn auch der Maße und der Menge der Materie eines Cörpers proportioniret ist. Das letztere erkennet man folgender Massen: Man hange eine Kugel, die nicht elastisch ist, Z.E. von Thon, an einen Faden, wie ein Pendulum auf, und darneben eine andere Kugel von gleicher Grösse, so ebenfalls nicht elastisch ist. Man lasse die erstere Kugel aus einer gewissen Höhe herunter in einen Bogen fallen, und an die andere, so stille hanget, anstossen; so bewegen sich nach dem Stosse beyde Kugeln zusammen, aber nur mit der Helffte der vorigen Geschwindigkeit fort. Daß also die eine Helffte der Geschwindigkeit der anstossenden Kugel von der Vi insita der andern destruiret und von dieser letztern nun recipiret worden ist.  
  Man nehme an Statt der andern Kugel, eine, so doppelt so groß ist, als die erstere, lasse aber diese aus voriger Höhe herunter fallen, und gegen die andere stille hangende anstossen, so wird man erfahren, daß beyde Kugeln zusammen nach dem Stosse nur mit dem dritten Theile dererjenigen Geschwindigkeit, mit welcher die erstere Kugel vor dem Stosse sich bewegte, fortgehen werden, und daß folglich die doppelt grosse Kugel, Vermöge ihrer Vi Inertiae, zwey drittel von selbiger Geschwindigkeit benommen habe, welche in ihre doppelt grössere Masse ist vertheilet worden.  
  Wenn man so fortfähret, der vorigen doppelt schweren Kugel eine drey- vier- und mehrmahl schwerere Kugel zu substituiren, so wird man wahrnehmen, daß die Grösse der von der Vi Inertiae der stille hangenden Kugel consumirte Geschwindigkeit gegen die nach dem Stosse noch rückständige Geschwindigkeit in dem stossenden Cörper sich verhalten werde, wie die Menge der Materie oder Schwere der in Ruhe gewesenen Kugel zu der Schwere der Kugel, welche den Stoß verrichtet; oder die consumirten Geschwindigkeiten verhalten, sich wie die Maßen derer wiederstehenden Cörper.  
  Da nun diese Geschwindigkeiten von der Vi Inertiae ermeldten Cörper sind consumiret worden; so ist klar, daß die Vi Inertiae in ihren Wiederstande sich der Maße des wiederstehenden Cörpers richte. Weil man von der Schweren derer Körper auf unserer Erden dieses gleichfalls wahr nimmt, daß dieselbige denen Maßen proportio-  
  {Sp. 1674}  
  niret sey, so sind einige auf die Gedancken gerathen, ob nicht diese Vis insita von der Schwere derer Körper ihren Ursprung nehme, und folglich an und vor sich keine besondere Krafft sey: Von solcher Meynung ist Wiedeburg Diss. de Viribus insitis §. 26. in dem er schreibet: Sicut enim [13 Zeilen lateinischer Text].  
  Allein wenn wir den Begriff der Vis Inertiae genau examiniren, wie wir bald weiter thun wollen, und die Umstände von beyderley Art Kräffte in Obacht nehmen, so scheinet wohl nicht, daß die Vis Inertiae von der Schweren herrühren könne. Es ist zwar wahr, daß die Schwere auch eine wiederstehende Krafft sey, aber nur in so weit, in so ferne der schwere Cörper weiter von dem Mittel-Puncte der Erden, als er zuvor gewesen ist, gebracht werden soll. Geschiehet aber dieses nicht, sondern ein schwerer Cörper verbleibet in seiner Bewegung gleich weit von dem Mittel-Puncte der Erden, so kan er Vermöge seiner Schwere nicht wiederstehen, in dem diese nicht turbiret wird, da wir aber gleichwohl als denn einen Wiederstand empfinden, so kan dieser nicht von der Schwere, sondern von etwas anders, nehmlich der Vi Inertiae, seinen Ursprung nehmen.  
  Die Vis Inertiae resistiret gegen alle Gegenden, wo die agirende Krafft her eine Bemühung gegen den Cörper ausübet; die Schwere hingegen wiederstehet nur alsdenn, wenn der Cörper weiter von dem Centro der Erden soll weggebracht werden, da sein Nisus gegen dieses Centrum, das ist, seine Schwere überwältiget werden muß. Daß aber so wohl die Vis Inertiae als die Schwere sich nach der Menge der Materie in einem Cörper richtet, verstattet dieser Meynung keinen Vortheil: Denn wenn beydes dem Cörper anerschaffene Kräffte sind, folglich im ingleichen Elemente des Cörpers residiren, so können sie nicht anders als nach der Maße des Cörpers proportioniret seyn; und folglich wiederstehet ein leichterer Cörper deswegen nicht weniger, weil er leichter ist, sondern, weil er weniger Materie in sich hält, welche geringere Maße man so wohl aus der geringern Schwere, als aus der geringern Vi inertiae beurtheilen kan.  
  Und wenn wir setzen, es würde in einem Cörper die Schwere removiret, so bleibet doch seine Materie rückständig, und mit ihr die Vis Inertiae; so aber weil wir die Schwere eines Cörpers einiger Massen nicht wegschaffen können, wir müsten denn seine Maße verringern, so erleidet dadurch zugleich mit aus Mangel der Materie die Vis Inertiae einen Abbruch, welches daher rühret, weil beyde, nehm-  
  {Sp. 1675|S. 834}  
  lich die Schwere und Vis Inertiae mit dem dritten, nehmlich der Mase des Cörpers, combiniret sind. Wenn ein schwerer Cörper, z.E. Holtz auf dem Wasser schwimmt; so ist er jetzo zu betrachten, als wenn er gar keine Schwere hätte, in dem keine Würckung daraus erfolget, in zwischen, wenn man selbigen Cörper in Bewegung setzen will, empfindet man mehr als zu wohl den Wiederstand der Vi. Inertiae.  
  Uberhaupt hat der wahrhafftige Begriff von der Vi insita denen Philosophen viele Mühe gemacht; dahero es auch nicht zu verwundern, daß viele bey Formation desselbigen auf irrige Wege gerathen sind. Insgemein schreibet man der Vis Inertiae diejenige Eigenschafft, und zwar mit Rechte zu, Vermöge welcher die Cörper sich nicht durchdringen lassen; da hingegen andere diese Inpenetrabilitatem Corporum in der Extension eines Cörpers zu gleich mit gegründet zu seyn glauben, wie solches Cartesius und seine Anhänger, ingleichen Mugs in Etem. phys. zu behaupten suchen.
  Die Vis Inertiae behauptet den Ort eines jeglichen Theils Cörpers mit Force, wenn solcher daraus gebracht werden soll, und läßt nicht zu, daß zugleich ein anderer Theil mit ihm einerley Ort einnehme, welches sonst geschehen würde, wenn der Cörper sich penetriren liesse, und keine Vim Inertiae hätte. Hingegen ausgedehnet seyn, und seinen Zustand der Ruhe, oder seinen Ort mit Gewalt behaupten, sind Dinge, die wohl nicht unter einerley Notion begriffen sind, Massen jenes weiter nichts als eine Coexistentiam Partium, dieses aber eine Krafft zum voraus setzet, mit welcher der penetrirenden Krafft Wiederstand geschehe; über dieses auch keine Contradiction vorhanden, ein extensum sich zu concipiren, daß sich penetriren lasse.  
aktive Kraft Wenn man mit beyden Händen einen Cörper von allen Seiten drucket, so lässet dessen Impenetrabilitas nicht zu, daß beyde Hände ad mutuum Contactum können, welches aus einer wiederstehenden Krafft, nicht aber aus der Extension hergeleitet werden kan. Eben diese Vis insita ist es auch, welche wegen irrigen Begriff derselbigen von vielen nicht vor hinlänglich erachtet wird, dadurch die Phaenomena der Bewegung derer Körper genugsam zu erklären, die folglich noch ein anderes Principium in den Cörper sehen, so in selbigen anders woher, wenn etwas gegen ihn agiret, die Bewegung recipirte, und solche durch eine besondere Krafft, so sie Vim activam, nennen, conservirte. Sie nennen Vim Inertiae diejenige Krafft, mit welcher ein Cörper der Bewegung wiederstehet; hingegen Vim activam mit welcher einen bewegter Cörper einen andern wieder in Bewegung setzen könte; erwegen aber nicht, daß beydes aus der Vi insita erfolgen könne.  
  Leibnitz hat diese Vim activam zu erst wieder in Schwang gebracht, aber auch bald mit Joh. Christoph Sturm deswegen eine Controvers überkommen, wie aus denen Actis Erudit. 1698. 1699. zu ersehen.
  Von dem Aristotele ist sie unter dem Titel Entelecheia Tom. VIII. p. 1266. in Betrachtung gezogen worden.  
  Eben diese Krafft hat ferner durch Anlaß des Leibnitzens einen neuen Streit unter den neuen Philosophen erreget, da die, welche vor  
  {Sp. 1676}  
  solche portiret sind, auch so gar eine gantz andere Mensur derer Kräffte etabliren wollen; welcher Streit auch noch biß jetzo fortdauret.  
  Weil die Lehre von dem Maße derer Kräffte unter diese allgemeine Betrachtung derer Kräffte gehöret, solche aber nicht wohl verstanden werden kan, ohne einen hinlänglichen Begriff von beyder Seits Kräfften, nehmlich der vi insita und actiua zu haben, so ist es nöthig, solche hier weiter zu untersuchen.  
  Die Vis actiua derer Körper ist nun nach der Meynung dieser Philosophen (Wolff Cosmol. Lat.) diejenige Krafft, welche in einen bewegten Cörper sich befindet, mit welcher solcher anderer ruhenden oder auch bewegten Cörper ihren Zustand der Ruhe oder Bewegung ändern kan, wenn er gegen solchen stosset: Von der Vi Inertiae, welche der Materie eigenthümlich ist, unterscheiden sie selbige dadurch, weil ein Cörper, Vermöge seinen Vi Inertiae, lediglich nach ihrer Meynung, allen Bewegung wiederstünde; dahero Leibnitz diese Krafft folgender Massen sich fürstellet: Dari in corporibus ... [7 Zeilen lateinischer Text].  
  Wir müssen untersuchen, ob denn die obenbeschriebene Vis insita nicht eben dieses verrichten könne, was man dieser Vi activae zuschreibet, und folglich ob die Vis Inertiae und die Vis activa nicht einerley, und nur gewissen Umständen nach von einander unterschieden sind; woraus sie doch zwey verschiedene Dinge machen wollen.  
  Ein jedweder Cörper suchet mit seiner Vi insita seinen Zustand der Ruhe oder gleichförmige Bewegung gegen alle diejenigen, so ihn darinnen turbiren wollen, zu behaupten. Weil nun eine äussere Krafft in den Cörper würcket, und ihn aus den Zustande, darinnen er sich befindet, bringen will, so destruiret dieser in dem agirenden Cörper einen Theil seiner Bewegung; und ihn so ferne derselbe Cörper diese Destruction, Vermöge seiner Vi insita, verrichtet, in so ferne nennet man diese Vim insitam, Vim Inertiae, weil der Cörper gleichsam faul, und gezwungen in Bewegung muß gesetzet werden  
  Und unter diesen Umständen ist es wahr, daß die Vis Inertiae der Bewegung, nehmlich des agirenden Cörpers (nicht aber seiner eigener) wiederstehe. Wenn hingegen ein Cörper sich gleichförmig gerade fortbeweget, so behauptet er diesen Zustand seiner Bewegung mit seiner Vi insita gegen alles, was ihn daraus bringen will. Wenn man nun diesem in sothaner Bewegung befindlichen Cörper einen andern Cörper entgegen stellet, so ist etwas vorhanden, nehmlich die impenetralitaet dieses andern Cörpers, so da fähig ist, den Zustand der Bewegung des erstern Cörpers, in dem er solchen nicht durch sich lasset, zu turbiren; derowegen suchet der bewegte Cörper gegen diesen andern Cörper, Vermöge seiner Vi insita, seinen Zustand der Bewegung zu behaupten, und dasjenige wegzuschaffen, was sich  
  {Sp. 1677|S. 835}  
  ihm entgegen setzet.  
  Es verrichtet demnach die Vis insita des bewegten Cörpers eine Bemühung gegen den andern solchen weichend zu machen. In so ferne ein bewegter Cörper mit seiner Vi insita solches verrichtet, in soferne schreibet man ihme einen Impetum zu; daß also der Impetus eines Cörpers eben Falls von dessen Vi insita dependiret, diser Impetus, weil er den Zustand des andern Cörpers, der solchen ausstehen muß, verändert, inuoluiret eine Action, daher man dem bewegten Cörper unter diesen Umständen eine agirende Krafft zuschreiben muß, die aber nicht als ein besonderes Ding und von der Vi insita unterschieden anzusehen ist.  
  Indem aber der bewegte Cörper in den andern agiret, und dieser folglich eine Veränderung in seinem Zustande ausstehen muß, so muß nothwendig seine Vis Inertiae zum Vorschein kommen, und gegen den agirenden Cörper reagiren. Es rühret demnach so wohl die Action als Reaction eines Cörpers von der Vi insita desselbigen her, in dem diese Begrieffe sich nur relativè verhalten, und die Action in so weit von einem Cörper gesagt wird, in so ferne derselbige durch Behauptung seines Zustandes der gleichförmigen Bewegung eine Bemühung gegen den im Wege stehenden Cörper ausübet.  
  Hieraus erkennet man die Unrichtigkeit des Begrieffs der Vis Inertiae, welchen sich die Patroni der Vis activae formiren, in dem sie durch die Vim Inertiae nur der Bewegung widerstanden wissen wollen; wir läugnen dieses nicht, sondern bekräfftigen, daß ein Cörper der Bewegung widerstehe, nehmlich der Bewegung desjenigen Cörpers, der ihn aus seinem Zustande der Ruhe oder gleichförmigen Bewegung bringen will; aber seiner eigenen Bewegung widerstehet er nicht, sondern wenn er ein Mahl darein gesetzet worden, so behauptet er sich darinnen, vermöge seiner Vi insita, die durch den Stoß desjenigen, der ihn in Bewegung gesetzet, modificiret und die Bewegung selbst nach einer gewissen Geschwindigkeit eingerichtet worden ist.  
  Nach ihrer Meynung destruiret auch die Vis Inertiae des leidenden Cörpers, diejenige Bewegung, die von dem stossenden Cörper in jenen transferiret wird; weil nun solcher Gestallt gar keine Bewegung erfolgte, in dem solche gleichsam noch in der Mache von der Vi Inertiae des leidenden Cörpers verzehret würde; so concipiren sie ein besonders thätiges Ding in dem leidenden Cörper, welches den communicirten Stoß recipiret, und unaufhörlich in ieglichen instanti der Zeit der Bewegung diesen erhaltenen Stoß wiederhohle, und solcher Gestallt die Bewegung conservire, als welche also bald wegen der Gegenwart der Vi Inertiae, so nach ihrer Meynung auch der eigenen Bewegung des Cörpers widerstehen kan, aufhören müste. Ihre Vis activa muß unaufhörlich dasjenige in dem Cörper reproduciren, was die Vis Inertiae des Cörper continuirlich wieder verzehret.  
  Wer diese Meynung von der Existentz einer solchen Vis activae behaupten will, muß solches beweisen, denn es aus denenjenigen Phaenomenis, daraus wir und sie den Begrieff der Vis Inertiae formiren, flüsset solches nicht, wie bißher gnugsam dargethan worden. Es zeiget kein eintziges Phaenomenon, daß die Vis Inertiae  
  {Sp. 1678}  
  des Cörpers, seiner eigenen Bewegung, darinnen er sich befindet, widerstehe, wohl aber die Bewegungen derjenigen Cörper, so von aussen her ihn in seinem Zustande der Ruhe oder gleichförmigen Bewegung turbiren wollen, destruire.  
  Zwar könnte man sagen; so lange ein Cörper in Bewegung ist, so lange wird doch auch dessen Zustand verändert, in dem er unaufhörlich aus einem Orte an den andern gelanget, und folglich eine Mutatio Loci vorgehe; eine iegliche Veränderung aber praesupponiret eine Krafft, so Ursache daran ist, folglich wäre eine unaufhörlich arbeitende Krafft, wie dieselbe Vis actiua ist, vonnöthen, um diese continuam loci Mutationem zu befördern. Allein eben dieses ist wiederum precario angenommen.  
  Ein ieder gestehet, eine Krafft könne eine Bewegung herfür bringen; nun aber ist mit der Bewegung die Veränderung des Orts inseparabel verbunden, dahero, so bald eine Bewegung erreget worden, so bald muß auch eine continuirliche Veränderung des Orts Statt finden, und rühret diese eben daher, woher die Bewegung ihren Ursprung genommen hat, daß folglich jene keine unaufhörlich arbeitende Krafft von Nöthen habe.  
  Wenn der Zustand der Bewegung verändert werden soll, so geben wir zu, daß eine Krafft dazu erfodert werde; ob man aber noch eine besondere Krafft nöthig habe, die in einem Cörper von einer äusserlichen Krafft ihm beygebrachte Bewegung zu erhalten? ist etwas, so der Gegenwart des Leibnitzens negiren muß. Ihre Ursache ist diese: Kann eine äusserliche Krafft in einem Cörper eine Bewegung hervorbringen, so kann sie auch machen, daß derselbe Cörper aus einem Orte in den anderen gelangen kann, Massen er sonst sich nicht bewegen würde. Es ist daher kein besonderes Ding von Nöthen, so die Translation des Cörpers durch einen Raum conseruire, und kann also ohne einer Vi actiua, die Bewegung fortgesetzet werden.  
  Gesetzt es wäre nach dem Sinne derer Leibnitianer eine solche Krafft von Nöthen, die der Cörper zur Conseruation der Bewegung anwenden müste; so folgte, daß die Bewegung, so der von aussen agirende Cörper in den andern transferiret, von sich selbst nicht bestehen könnte, und also ohne zureichenden Grund aufhören müste, welches wider ihr eigenes Principium Rationis sufficientis lieffe. Denn daß die Vis Inertiae dieser eigenen Bewegung des Cörpers, die er anders woher recipiret hat, widerstehen soll, dasselbe muß erst erwiesen werden, sinte Mahl es weder der Erfahrung noch der Vernunfft gemäß ist, da keine Phaenomena solches darthun; auch nicht begreifflich fällt, warum eine Krafft vor sich nicht ihre Würckung hervorbringen könne, sondern zu dessen Conseruation noch eine besondere Krafft als einen Gehülffen annehmen müsse.  
  Die gantze Hypothesis ist lediglich aus Mangel eines wahrhafften Begrieffs der Vis Inertiae entstanden, in so ferne solche einer Bewegung widerstehet. Wenn nehmlich die äusserlich in den Cörper würckende Krafft eine Würckung herfür bringet, so wird dieselbige in der Production dieser Würckung consumiret, und in so ferne wir von einem Cörper wahrnehmen, daß derselbige, wenn eine äussere Krafft in ihn würcket, die würckende Krafft de-  
  {Sp. 1679|S. 836}  
  struiret, in dem er die Würckung von ihr annimmt; in so ferne sagen wir, daß derselbe eine Vim Inertiae habe. Es verzehret dahero die Vis Inertiae nicht die Würckung der würckenden Krafft, sondern die Krafft selbst, in dem sie die Würckung herfür bringet.  
  Und auf diesem Satze beruhet das bekannte Axioma Mechanicum, daß die Reaction eines Cörpers alle Zeit der Action gleich sey; in dem nehmlich die Vis Inertiae praecisè so eine grosse Würckung oder eine so grosse Bewegung recipiret, wie eine grosse Krafft oder Bewegung in dem agirenden Cörper von der Vi Inertiae des andern ist confundiret worden.  
Druck Nun restiret noch der Zweifel, welchen man sich in Ansehung der Reception der Würckung von der Vi Inertiae eines Cörpers machen kann, wenn eine äusserliche Krafft nur den Cörper drucket. Hier beweget sich ja der Cörper nicht durch seine recipirte Würckung. Alleine man muß allerdings nach erst angeführten mechanischen Grundsatze die Beschaffenheit der agirenden Krafft untersuchen. Ist dieses nur eine druckende Krafft, so verhält sich auch die Vis Inertiae gegen sie als eine druckende Krafft; ist es aber eine bewegende Krafft, so erzeiget sich auch die Vis Inertiae fähig eine Bewegung zu hemmen. Der Druck ist nur eine Bemühung eine Bewegung hervor zu bringen, es erfolget aber keine daraus und kann folglich auch die Vis Inertiae keine Bewegung recipiren.  
  Zwar mögte man einwenden, daß öffters ein Cörper mit einer bewegenden Krafft gegen einen andern anstoßte, und solchen doch nicht in Bewegung setzte, wie z.E. sich ereignet, wenn man einen Cörper gegen eine fest-stehende Wand wirfft, die deswegen doch keine Bewegung erhält. Alleine man muß hinwiederum in Obacht nehmen, daß die Vis Inertiae nach Beschaffenheit der Maße des Cörpers, dem sie beygewohnet, recipire.  
  Also wenn ein Cörper gegen einen andern ruhenden von gleicher Maße anstosset, so theilet er ihm die Helffte seiner Geschwindigkeit mit; ist der rührende Cörper von einer doppelten Maße als der stossende, so communiciret dieser jenen auch nur den dritten Theil seiner Geschwindigkeit, u.s.w. Je grösser also die Masse des ruhenden Cörpers ist, ie geringer ist die Geschwindigkeit, so ihm der stossende mittheilet. Wenn demnach die Masse des ruhenden Cörpers in Ansehung des stossenden unendlich groß ist, so ist die dem ruhenden Cörper communicirte Geschwindigkeit in Ansehung der Geschwindigkeit des stossenden unendlich kleine, und fällt folglich nicht in die Sinne: daher uns ein solcher Cörper noch in der Ruhe zu seyn scheinet, ungeachtet eine bewegende Krafft in ihm gewürcket hat.  
  Dieser Fall findet Statt, wenn man in obigen Exempel einen Cörper an eine fest-stehende Wand wirfft: dann weil diese auf dem Erdboden feste stehet, so machet sie mit der gantzen Erde einerley Cörper aus, und muste folglich die gantze Erde von der Bewegung des angeworffenen Cörpers in Bewegung gesetzet werden, deren Masse aber in Ansehung dieses Cörpers unendlich groß ist. Wenn man demnach alles dasjenige, was bisher von der Vi Inertiae der Cörper ist gesaget worden, zusammen nimmt, so wird man befinden, daß man in der Erklärung der Bewegung der Cörper keiner Vis actiuae von Nöthen habe, son-  
  {Sp. 1680}  
  dern sich alles aus der Vi insita der Cörper dem wahrhafften Begrieffe und denen Phaenomenis gemäß deduciren lasse; folglich die Substantialitas Vis actiuae Leibnitii ein Ding sey, so noch eines überaus starcken Beweiß bedarff.  
Herkunft der Kräfte Nach dem wir nun die vornehmsten Kräffte, so man bisher in der Natur entdecket, und deren noch mehrere, auch die wir nicht wissen, vor Handen seyn können, gehöriger Massen erzählet haben; so ist noch die Frage übrig, ob denn diese angeführte Kräffte dem Cörper vor sich beywohnen oder anders woher ihren Ursprung nehmen? Eine Krafft, welche an und vor sich dem Cörper beywohnet, und allen seinen Elementen anhanget, wird Vis primitiua, von einigen auch über Haupt Vis insita genennet: Die Krafft hingegen, welche aus einer Vi primitiua ihren Ursprung nimmt, und nach besonderer Adplication derselbigen unter gewissen Umständen anders und anders beschaffen ist, heisset Vis deriuatiua.  
  Welche nun unter denen oben angeführten Kräfften Vires primitiuae, welche deriuatiuae, seyn; ist eine Frage, so die Physicos wohl bis ans Ende der Welt in Streit erhalten, auch nicht eher decidiret werden wird, als bis man eine genaue Erkänntniß derer Elemente eines Cörpers selbst erhält, welche aber nicht zu erlangen ist.  
  Von der Schwere derer Körper ist zu vermuthen, daß sie eine Vis primitiua sey, in dem sie sich nach der Menge der Materie eines Cörpers richtet, und ieglichen Theilen desselbigen anhanget; dessen ungeachtet wollen sehr viele dieselbige nicht davor gelten lassen, sondern concipiren sich bald mit dem Cartesio Wirbel, bald mit dem Hugenio eine Materiam grauificam und so ferner, um dadurch die Schwere unter die Zahl derer Virium deriuatiuarum zu bringen. Wieweit diese Meynung gegründet sey, zeigt der Titel Grauitas Tom. XI. p. 651. seqq.  
  Die Vim Inertiae eines Cörpers hat man noch so meisten Theils vor eine Vim primitiuam gehalten; doch diejenigen, welche das Wesen eines Cörpers in sola Extensione gegründet zu seyn glauben, referiren solche dadurch eben Falls unter die deriuatiuas.  
  Die Vires Cohaesionis et Fugae sind uns noch so unbekannt, daß man mit sehr wenig Wahrscheinlichkeit von ihnen sagen kann, ob sie primitiuae oder deriuatiuae seyn. Die Elastischen, Magnetischen, Electrischen Kräffte hält man vor deriuatiuas, weil sie nach besonderer Structur derer Cörper und nur unter gewissen Umständen bey ihnen anzutreffen sind. Und so zählet man auch diejenigen Kräffte, welche ein Cörper erhält, in dem er von einer andern Krafft in Bewegung gesetzet wird, unter die Vires deriuatiuas, weil sie sich nach der Grösse der gegen dem Cörper geschehenen Action richtet; von welcher Beschaffenheit die durch den Stoß modificirte Vis Inertiae eines Cörpers ist, mit welcher solcher seine gleichförmige Bewegung fortsetzet.  
  Also auch wenn ein Cörper durch den Fall, in dem seine Schwere unaufhörlich an ihm gearbeitet hat, eine gewisse Geschwindigkeit erlanget, und wir concipiren, daß nun seine Schwere zu agiren aufhöre, so wird er mit dieser erlangten Geschwindigkeit seine Bewegung gleichförmig fortsetzen, und man saget alsdenn, es bewege sich der Cörper Vi deriuatiua, welche Krafft er nehmlich aus der  
  {Sp. 1681|S. 837}  
  Action der Schwere erhalten hat. Newton princip. Phil. nat. Def. 4. nennet dergleichen Kräffte Vires inpressas, und erinnert, daß sie blos in der Action bestehen, auch nach geschehener Action nicht in dem Cörper verbleiben, als welcher alsdenn lediglich mit seiner Vi Inertiae in diesem neuen Zustande der Bewegung verharret; meldet auch, daß diese Vis inpressa ihren Ursprung entweder durch den Stoß, oder durch den Druck, oder durch die Action einer Vis centripetae erhalte.  
  Die erwärmenden Kräffte werden von einigen Physicis unter die primitiuas, von einigen unter die deriuatiuas Vires gezählet, am Ende aber läufft die Sache doch dahin aus, daß man etwas innerhalb einen Cörper statuiren müße, so man das elementarische Feuer zu nennen pfleget, welches wenn es zur Activität gelanget, den Cörper in den Zustand einer Erwärmung setzet; dahero doch diese Krafft mehr eine primitiva zu seyn scheinet: wie mit mehrern aus dem Titul Erwärmung, Tom. VIII. p. 1810. seqq. zu sehen.  
  Und so kan von jeglicher Krafft die Frage aufgeworffen werden, ob sie unter die primitivas oder derivativas zu rechnen sey; ja ein Physicus hat auch fürnehmlich sich darum zu bemühen, diejenige Kräffte, die sehr wahrscheinlich als derivativa sich zu erkennen geben, von denen, die mehr als primitivae anzusehen sind, genau zu distinguiren, und ihren Ursprung aus denen primitivis, so viel als möglich, darzu thun, damit die Principia der Physic nicht so sehr multipliciret werden.  
     

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Stand: 9. März 2013 © Hans-Walter Pries