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Zedler: Naturell der Seelen HIS-Data
5028-23-1239-11
Titel: Naturell der Seelen
Quelle: Zedler Universal-Lexicon
Band: 23 Sp. 1239
Jahr: 1740
Originaltext: Digitalisat BSB Bd. 23 S. 637
Vorheriger Artikel: Naturell des menschlichen Leibes
Folgender Artikel: Naturell des Verstands
Siehe auch:
Hinweise:
  • Allgemeine Bemerkungen zur Textgestaltung siehe Hauptartikel
  • Für die Auflösung der Quellenangaben siehe: Personen

  Text Quellenangaben
  Naturell der Seelen, dadurch verstehen wir die Beschaffenheiten der natürlichen Fähigkeiten, womit die Seele eines Menschen versehen, daß er selbige willkührlich verbessern kan.  
  Die Seele eines Menschen bestehet aus Verstand und Willen, und daher kan man solches in das Naturell des Verstandes und des Willens eintheilen. Der Unterscheid solcher Naturellen ist sattsam aus der Erfahrung bekannt, den wir aus den unterschiedenen Bezeigungen der Menschen in ihren Reden, Discursen und Verrichtungen wahrnehmen können.  
  Will man sich die Mühe geben, und die Ursachen dieses Unterscheids entdecken, so wird man gar bald wahrnehmen, wie man darinnen keine  
  {Sp. 1240}  
  gründliche und hinlängliche Erkänntniß haben könnte. Ist die Rede von der natürlichen Gemüths-Disposition an sich, so muß man auch nur einen natürlichen Grund suchen, und die moralischen Umstände in Ansehung der Erziehung, des Umgangs mit andern, des Geschlechts, des Standes u.s.w. als Ursachen und Gelegenheiten ansehen, dadurch ein Naturell könne verbessert oder verschlimmert, und auf diese oder jene Art modificiret werden, massen wir offt aus der Erfahrung lernen, daß zwey Kinder einerley Auferziehung, einerley Umgang haben, von gleichem Geschlechte und Stande sind, gleichwohl aber gantz unterschiedene Temperamenten der Seelen von sich blicken lassen.  
  Diejenigen, die bisher ihr Nachsinnen auf diesen Punct gerichtet, haben zum Theil ungleiche Meynungen, davon einige zwar möglich, aber nicht wahrscheinlich; etliche hingegen wahrscheinlich, zur Erklärung aber aller bey diesen Würckungen vorkommenden Umstände nicht hinreichend sind.  
  Zu der ersten Classe gehören wieder zweyerley Meynungen. Einige sind auf die Gedancken kommen, es thäte der Einfluß der Gestirne hiebey das meiste, und nachdem jemand in dieser oder jener Constellation gebohren sey, so werde er auch entweder ein gutes oder schlechtes Naturell bekommen haben. So schreibt Manilius … diejenigen, welche in dem Zeichen der Jungfrauen gebohren, bekämen ein treflich und zum Künsten geschicktes Naturell.  
  Barclajus in Argen. … erzehlet folgende Historie: Es wäre in Deutschland ein gelehrter Mann gewesen, welcher aus thörichter Einbildung, es läge an der Constellation, daß ein Kind klüger oder dümmer wäre, als das andere, seiner Frau niemahls ehlich beygewohnet, er habe denn zuvor betrachtet, was vor ein Planet regiere; sey aber beym Ausgang betrogen worden, indem seine Kinder Narren gewesen.  
  Diese Meynung ist so offenbahr falsch, daß sie keiner Widerlegung bedarff, indem ihre Vertheidiger nicht nur keinen tüchtigen Grund angeben können; sondern auch die Erfahrung mit so häuffigen Exempeln entgegen stehet, und noch über dieß allerhand ungereimte Folgerungen daher fliessen müssen.  
  Von gleichem Werth ist die Meynung derjenigen, die einen genium seculi statuiren, welcher die Leute nach den unterschiedenen Zeiten bald zu diesen, bald zu jenen Wissenschafften antriebe, und sie dazu geschickt mache, wie Barclajus in icone animor. … und der verkappte Peter Firmianus in der Schrifft: genius seculi, die zu Paris 1663. 12, heraus kommen, davor gehalten.  
  So schreibt auch der ungenannter Auctor des Wercks: Germania milite destituta et litteratis sua ceu mole laborans, daß der Herr Groschuff seiner novae librorum rariorum collectioni … gantz einverleibet, von dem Genio der Zeit: omnia secula suum habere genium, und erläutert dieses mit einigen Exempeln.  
  Verstehet man durch den Genium einen gewissen Geist, der nach dem Unterscheid der Zeit die verschiedene Naturelle würcken, so muß man vorher dessen Existentz beweisen, ehe man ihn als eine Ursache anführen will. Unter den Heydnischen Philosophen  
  {Sp. 1241|S. 638}  
  waren die Pythagoräer und Platonici, welche allerhand Classen der geistlichen Substantzen satzten, mit vergeblichen Gedancken von den Geniis eingenommen, und wenn die neuern sagen solten, was der genius seculi sey, so würden sie sich schlecht erklären können.  
  Es können wohl die Zeiten Anlaß zu grossen Veränderungen in denen Wissenschafften und Sitten derer Menschen geben, daher man auch sagt, daß sich die Zeiten verändern, nemlich der Zustand der Menschen, die in der Zeit leben; es ist aber dabey zu erwegen, daß diese Veränderungen nicht so wohl das Naturell selbst, als vielmehr dessen Verbesserung, oder Verderben angehen, auch allhier die Umstände nicht als eine natürliche, sondern moralische Ursache müssen angesehen werden. Denn die Zeit an sich thut nichts dabey, sondern gewisse Sachen, die sich sonderlich in diesem oder jenem Periodo offenbaren, und eine Connexion mit einer herzustellenden Würckung haben. Also geschahe unter andern mit den Studien der alten Römer nach denen unterschiedenen Zeiten eine grosse Veränderung, welches wir auch sehen, wenn wir das alte Griechenland gegen das jetzige, den vorigen Zustand Egyptens gegen den heutigen, und die Lebens-Art unserer Vorfahren, gegen die unsrige halten.  
  Es sind aber nicht die Zeiten an sich selbst schuld. Denn so lange die Römer in ihrer Freyheit lebten, hatten die gelehrten Wissenschafften ihr erwünschtes Glück, daß sie nach der damahligen Beschaffenheit fast bis auf den höchsten Gipffel gestiegen waren; so bald man aber die Freyheit ihnen zu benehmen anfieng, bekam das gelehrte Wesen der Römer nach und nach ein ander Gesicht, woran vornehmlich die veränderte Regiments-Form und der Genie der Regenten, die sich in der Zeit zutrugen, schuld waren, wie Walch dieses in seinen Gedancken vom philosophischen Naturell … schon angemercket.  
  In eben demselbigen … saget er seine Gedancken mit folgenden Worten:  
  „Mit bessern Grund kan man als Ursachen der unterschiedenen Naturellen theils die Beschaffenheit der Eltern, theils des Orts, wo jemand gebohren worden, und der darinnen sich befindenden Lufft anführen.  
  Der eine Umstand ist hier, daß die Kinder in ihrem Naturell nach den Eltern gerathen, welches sich sonderlich Huartus zu erweisen bemühet hat, auch nicht zu leugnen, daß diese Meynung grosse Wahrscheinlichkeit aus der Sache selbst und Erfahrung vor sich hat. Denn setzt man zum voraus, daß die Disposition des Leibes, sonderlich die Structur des Gehirns und die Beschaffenheit des Geblütes die genaueste Verknüpffung mit den Kräfften der Seelen habe, und bey den Streitigkeiten vom Ursprung der menschlichen Seele die sicherste Meynung sey, es werde selbige per traducem, durch eine Uberführung fortgepflantzet, so lässet sich ziemlicher massen begreiffen, wie nach unterschiedener Beschaffenheit des Saamens der Eltern, des Geblütes der Mutter, der Kräffte ihrer Seelen, die Kinder bald diese, bald jener Leibes-Constitution, dieses oder jenes Naturell des Gemüths bekommen.  
  Es stimmet auch damit grösten  
  {Sp. 1242}  
  theils die Erfahrung überein, daß gescheute und vernünfftige Eltern, der Vater so wohl als die Mutter solche Kinder zeugen, welche ein herrlich Naturell am Verstande haben.  
  Man wird zwar einwenden, es bezeuge auch die Erfahrung, daß gescheute Eltern dumme Kinder hätten; welcher Einwurff aber, wenn er genau angesehen wird, vermittelst dreyer Umstände so zu beantworten, daß die erstere Meynung dabey sicher bleiben kan.  
  Einmahl muß man die gegenseitigen Exempel derjenigen Kinder, die nicht nach der Eltern Art gerathen seyn sollen, genauer betrachten, da man finden wird, wie viel mahl die angewöhnte Liederlichkeit solcher Kinder, die vernünfftige kluge Eltern haben, mit einem schlechten Naturell sonderlich in Ansehung des Verstandes vermischet wird. Mancher vornehmer und berühmter Mann hat einen liederlichen Sohn, der nichts studiret, deswegen fehlts ihm an einem herrlichen Ingenio nicht.  
  Es ist auch die Beschaffenheit der Zeit, da der Beyschlaf geschiehet, und ob die Eltern nüchtern, oder truncken gewesen, diesen oder jenen Affect eben gehabt, ingleichen der Zustand der Mutter währender Schwangerschaft nicht aus der acht zu lassen, daß wenn sich hiebey ausserordentliche Ursachen finden, auch ausserordentliche Würckungen erfolgen.  
  Die callipaedia des Claude Quillets, eines Frantzösischen Abts, ist ein bekanntes Werckgen, welches anfangs unter Calvidii Laeti Nahmen heraus kommen, auch 1709 zu Leipzig wieder gedruckt worden. Der Auctor lehret unter andern, wie die Eheleute müsten beschaffen seyn, wenn schöne Kinder folgen solten, was vor Regeln bey dem Beyschlaff in acht zu nehmen, wie man der schwangern Frauen warten solte, u.s.w. es urtheilet aber Adrian Bailler jugem. des Scav. … nicht unbillig, Qvillet habe sich in diesem Stück erfahrner erwiesen, als es einem Abt anstünde. Und gesetzt, welches wir nicht in Abrede sind, man finde dumme und einfältige Kinder geschickter und kluger Eltern, da sich zur Zeit der Conception und der Schwangerschaft alles in einem ordentlichen Zustand befunden habe; so wird doch die andere Erfahrung, darauf wir uns beruffen, vor der gegenseitigen einen Vorzug haben, und also bey der Wahrscheinlichkeit ihre Krafft behalten, weil auf ihrer Seiten mehr Phänomena, und Proben der Natur vorhanden.  
  Die Beschaffenheit des Orts, wo jemand gebohren, auferzogen, oder doch eine lange Zeit gelebet, und der darinnen sich befindenden Lufft wird mehrentheils als eine Ursache der unterschiedenen Naturellen und Genien der Menschen angegeben.„  
  Denn die verschiedene Ingenia und Gemüths-Arten pflegt man auch nach dem Unterscheid der Nationen und Völcker anzumercken, wie der besondere Artickel vom Naturell der Völcker weiset.  
  „Wenn aber gleich, fähret Walch in dem angezogenen Ort … fort, diese beyde angeführte Ursachen, wahrhafftige Ursachen sind, so sind sie doch, wenn man die Application auf besondere Subjecta machen will, nicht hinlänglich, und bleiben daher manche Umstände zurück, die wir nicht auflösen können. Denn  
  {Sp. 1243|S. 639}  
  was wir von den Eltern und dem daher dependirenden Naturell der Kinder angeführet, läßt sich unter andern nicht auf den Fall deuten, wenn Zwillinge gebohren werden, welche gantz unterschiedene Naturelle haben, und wegen der Lufft ist auch bekannt, wie die Jüden in alle Länder zerstreuet, an gantz unterschiedenen Orten gebohren, auferzogen werden, und ihre Lebens-Zeit zubringen, gleichwohl aber dieses Volck sonderlich an seinen Sitten was eigenes an sich hat, dadurch sichs von andern mercklich unterscheidet, weswegen wohl hier die Art der Auferziehung, die aber eine moralische Ursache ist, vieles beyträgt. Befinden sich welche, die in Deutschland gebohren und auferzogen worden, eine ziemliche Zeit in Franckreich, so können sie sich wenigstens an die frantzösischen Sitten dergestalt gewöhnen, daß ein unbekannter von ihnen wohl schwöhren solte, sie wären gebohrne Frantzosen.„  
  Ubrigens ist die Gleichheit des Naturells in Regard der Seelen der Grund der Sympathie im moralischen Verstand, oder der besondern natürlichen Zuneigung zweyer Gemüther gegen einander. Es ist der Natur so wohl als der Erfahrung gemäß, daß zwischen Menschen von gleichem Naturell eine genauere Übereinstimmung und Zuneigung der Gemüther gegen einander sey, als zwischen Leuten von verschiedenen Naturell. Denn diese Gleichheit des Naturells würcket nothwendig eine Gleichheit des Geschmacks in Sachen des Verstandes und Willens, dergestalt, daß Leute von gleichem Naturell, was den Verstand betrifft, in ihrer Art zu urtheile, die sie in Worten und Thaten spüren lassen, einander jederzeit vollkommnen Gnüge thun; in Ansehung des Willens aber gleichfalls in ihren Begierden dermassen übereinstimmen, daß die Begierden des einen, und die daraus fliessende Sitten und Thaten bey dem andern vollkommen Beyfall finden.  
  Hingegen ist die Ungleichheit des Naturells der Grund der moralischen Antipathie, oder der natürlichen Widrigkeit der Gemüther, daß was dem einen wohlgefället und von ihm hoch geachtet wird, dem andern mißfalle und verachtet werde; da denn wegen der daher entstehenden Widrigkeit der Sitten solche Leute gemeiniglich einander nicht wohl leiden können. Man lese nach Müllers Anmerck. über Gracians Oracul, ...
     

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Stand: 3. April 2013 © Hans-Walter Pries